Methodik

Vibe Engineering vs. Vibe Coding: Was ist der Unterschied?

Daniel Holderbaum

Daniel Holderbaum · Mitgründer und CTO

12. August 2026 · 6 Min. Lesezeit

Seit KI-Modelle Code schreiben können, ist ein neuer Begriff durch die Branche gewandert: Vibe Coding. Man beschreibt der KI, was man will, nimmt den Code, den sie ausspuckt, und schaut, ob es läuft. Für ein Wochenendprojekt ist das großartig. Für Software, auf die sich ein Unternehmen verlassen muss, ist es fahrlässig. Deshalb gibt es Vibe Engineering. In diesem Artikel erklären wir den Unterschied, ohne Marketing-Nebel.

Was Vibe Coding ist und warum es so verführerisch ist

Vibe Coding bezeichnet den Ansatz, Software fast ausschließlich über natürliche Sprache mit einem KI-Modell zu entwickeln. Der Entwickler oder auch der Nicht-Entwickler beschreibt das gewünschte Verhalten, die KI generiert den Code, man testet per Klick, beschreibt Korrekturen, und die Schleife beginnt von vorn. Der Code selbst wird dabei kaum noch gelesen, geschweige denn verstanden.

Das Verführerische daran: Es funktioniert erstaunlich gut, erstaunlich lange. Ein klickbarer Prototyp entsteht in Stunden statt Wochen. Genau deshalb ist Vibe Coding nicht das Problem. Das Problem ist, was passiert, wenn dieser Prototyp unbemerkt zum Produktivsystem wird.

Wo Vibe Coding bricht

Wir sehen in Projekten, die zu uns kommen, immer wieder dieselben Muster:

Der Code funktioniert nur auf dem glücklichen Pfad. KI-Modelle optimieren darauf, dass das beschriebene Szenario funktioniert. Randfälle, fehlerhafte Eingaben, parallele Zugriffe, ausfallende Drittsysteme: all das, was Produktion von Demo unterscheidet, kommt in der Beschreibung nicht vor und damit auch nicht im Code.

Niemand kennt den Sicherheitszustand. Generierter Code zieht Abhängigkeiten, die niemand geprüft hat, öffnet Endpunkte, die niemand abgesichert hat, und speichert Daten, deren Schutzbedarf niemand bewertet hat. Ohne systematische Prüfung ist das kein Restrisiko, sondern ein Blindflug.

Die Wartbarkeit stirbt leise. Nach drei Monaten Vibe Coding existiert eine Codebasis, die kein Mensch mehr im Kopf hat, ohne Tests, ohne Dokumentation, ohne Architektur. Jede Änderung wird zum Glücksspiel, und die versprochene Geschwindigkeit kehrt sich ins Gegenteil.

Was Vibe Engineering anders macht

Vibe Engineering nutzt dieselbe Ausgangstechnologie, KI-Agenten, die Code generieren, setzt aber ein Verifikationssystem dahinter, das jeden Schritt prüft, bevor er zählt. Die Geschwindigkeit der KI bleibt, die Beliebigkeit verschwindet. Bei uns besteht dieses System aus vier Schichten:

1. Präzise Spezifikation statt vager Prompts. Bevor ein Agent Code schreibt, existiert eine maschinenlesbare Beschreibung dessen, was entstehen soll: Datenmodelle, Schnittstellen, Verhaltensregeln, explizite Randfälle. Der Agent arbeitet gegen eine Spezifikation, nicht gegen eine Stimmung.

2. Automatisierte Guardrails bei jedem Schritt. Jede Änderung läuft durch dieselbe Pipeline: automatisierte Tests, statische Codeanalyse, Typprüfung, Security-Scan der Abhängigkeiten. Was durchfällt, kommt zurück zum Agenten, nicht zum Menschen. Wie das konkret aussieht, beschreiben wir im Artikel über unsere Pull-Request-Checks.

3. Menschliche Review-Gates an den Stellen, wo sie zählen. Erfahrene Entwickler geben jede Änderung frei, bevor sie in Produktion geht. Nicht als Feigenblatt, sondern mit Fokus auf das, was Maschinen schlecht prüfen: Architekturentscheidungen, Datenschutz-Implikationen, fachliche Korrektheit.

4. Betrieb als Teil der Methodik. Software ist erst fertig, wenn sie überwacht läuft. Monitoring, Fehler-Alerting und definierte Update-Prozesse gehören von Tag eins dazu, nicht als nachträglicher Anbau.

Der Beweis ist der Betrieb

Methodik-Versprechen sind billig, deshalb ein überprüfbarer Fakt: Unsere eigene Plattform Vergabepilot.AI, eine LLM-basierte semantische Suche über mehr als 300 Vergabeportale, wird von über 13.000 Unternehmen genutzt und ist vollständig mit dieser Methodik gebaut und betrieben. Wir verkaufen also keine Theorie, sondern die Arbeitsweise, mit der wir selbst jeden Tag liefern müssen. Was wir dabei über KI-Systeme in Produktion gelernt haben, steht im Detail in unseren Lessons Learned zu RAG-Pipelines.

Woran du den Unterschied bei Anbietern erkennst

Wenn du Software entwickeln lässt und wissen willst, ob dein Anbieter vibe-codet oder vibe-engineert, stell drei Fragen: Zeig mir eure Test-Pipeline für KI-generierten Code. Wer gibt Änderungen frei, bevor sie live gehen, und nach welchen Kriterien? Und: Welche eurer Systeme laufen produktiv, mit wie vielen Nutzern? Wer auf diese Fragen keine konkreten Antworten hat, liefert dir eine Demo. Vielleicht eine sehr gute Demo. Aber keine Software, der du dein Geschäft anvertrauen solltest.

Daniel Holderbaum

Daniel Holderbaum

Mitgründer und CTO

Software-Architekt und DevOps-Kopf hinter allen Ciconia-Systemen. Er hat die Verifikations-Guardrails entworfen, durch die jede Zeile KI-generierter Code muss, bevor sie in Produktion geht.

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